Chinua Achebe

(übernommen mit freundlicher Genehmigung aus den LiteraturNachrichten Nr. 74 / Juli-September 2002 - Chinua Achebe ist auch für uns einer der wichtigsten Schriftsteller Afrikas und wir bedauern, dass sein Werk bisher nur zum kleinen Teil auf deutsch erhältlich war!)

Die Nachricht kam überraschend - nicht nur für diejenigen, die so rein gar nichts anfangen können mit den Literaturen und Literaten aus Afrika. Der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den Nigerianer Chinua Achebe. Zwar ist der 71jährige ohne Zweifel einer der wichtigsten, vielleicht sogar DER wichtigste unter den Autoren Afrikas - doch sein Name und Werk, obgleich millionenfach in den Bücherregalen der Welt vertreten und in mehr als 50 Sprachen übersetzt, erfreut sich in Deutschland einer nur sehr begrenzten Leserschaft, sehr zum Leidwesen der Verlage, die es auf sich nehmen, Achebes Bücher hier zu Lande zu verlegen. Der Stiftungsrat des Friedenspreises nennt Achebe in seiner Preisurkunde „eine der kräftigsten und subtilsten Stimmen Afrikas in der Literatur des 20. Jahrhunderts, einen unnachgiebigen Lehrer und Moralisten. Er gilt unangefochten als Begründer der authentischen englischsprachigen Romantradition Westafrikas. Achebes zentrales Thema ist, Frieden in Regionen herzustellen, die einem permanenten Kulturkonflikt ausgesetzt sind." Holger Ehling über den Friedenspreis für den in Deutschland weithin verkannten Großen der Weltliteratur:

Gut gebrüllt, möchte man zu der Entscheidung des Börsenvereins sagen. Und darauf hinweisen, dass der Börsenverein als Spitzenorganisation der deutschen Büchermacher schon seit langem den Blick auch auf hier zu Lande weniger Bekanntes und auch auf politisch Kontroverses richtet. [...] Die Verbindung von literarischer Äußerung und politischem Wirken ist es, was Kandidaten für den Friedenspreis in Frage kommen lässt. Und da ist Chinua Achebe sicherlich ein höchst würdiger Kandidat. Nicht nur, weil er mit seinem Roman „Okonkwo oder Das Alte stürzt", 1958 erschienen, das mit Abstand meist beachtete Buch eines Afrikaners verfasst hat. Das Buch ist heute der wohl bedeutendste Versuch der Darstellung des Eindringens von Kolonialismus und Mission in die traditionellen Strukturen Afrikas - wobei nach Achebes Lesart diese Strukturen bereits höchst brüchig waren und gleichsam darauf warteten, überworfen und neu ausgerichtet zu werden.

Achebes Œuvre ist in seinen fast fünfzig Jahren literarischen Schaffens vergleichsweise schmal geblieben: Fünf Romane, einige Essaybände, eine Kurzgeschichtensammlung, eine Lyrikanthologie und ein paar Kinderbücher - das spricht fürwahr nicht von einem unbändigen literarischen Schaffensdrang. Aber die Bedeutung dieses Werks liegt in dessen intellektueller Qualität: So spärlich die Äußerungen Achebes geblieben sind, so hat doch diese Zurückhaltung jeder einzelnen von ihnen zu umso höherem Gewicht verholfen.

In ihrer Gesamtheit genommen, bilden seine Bücher eine literarische Chronik Westafrikas, die von der ersten Begegnung zwischen Europäern und Afrikanern über die koloniale Machtergreifung bis hin zur Unabhängigkeit und den enttäuschten Hoffnungen und dem Verfall der Zivilgesellschaft reicht, wie er heute in vielen Ländern Afrikas festzustellen ist. Die Beschäftigung mit den historischen Ursachen der gegenwärtigen Situation Afrikas, die Kritik an den politischen Zuständen und die Analyse ihrer Bedeutung für das Individuum zeichnen Achebes Werk aus. Dabei ist sein fünfter und bisher letzter Roman, „
Termitenhügel in der Savanne", in seiner schonungslosen Kritik der herrschenden Klassen das vielleicht entlarvendste Werk dieser Provenienz in der afrikanischen Literatur. Dieser Roman beendete gleichzeitig eine lange Periode des Wartens - zwischen „Termitenhügel in der Savanne" und seinem Vorgänger, „Ein Mann des Volkes", liegen 21 Jahre.

Deshalb ist ein Blick auf seine Biografie um so wichtiger. Chinua Achebe wurde am 15. November 1930 im ostnigerianischen Ogidi geboren, er gehört zum Volk der Igbo, einer der drei dominierenden Ethnien im Vielvölkerstaat Nigeria. Nach seiner Ausbildung am Elite-College in Umuahia studierte er in Ibadan und arbeitete zunächst als Lehrer, danach beim nigerianischen Rundfunk, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes aufstieg. Diesen Posten legte er nach den Massakern an den Igbo vor Beginn des nigerianischen Bürgerkriegs (1967 - 1970) nieder und wurde „Sonderbotschafter" der Sezessionisten, die mit ihrem neuen Staat „Biafra" die Unabhängigkeit anstrebten, in Amerika und Europa. Dabei wurde schon während des Krieges seine zunehmende Desillusionierung deutlich. Immer stärker wurden ihm die wahren Beweggründe für die Auseinandersetzungen bewusst. Wo vorgeblich gestritten wurde für nationale Einheit auf Seiten der Bundestruppen und für das Selbstbestimmungsrecht eines großen Volkes auf Seiten Biafras, ging es in letzter Konsequenz fast ausschließlich um den Zugriff auf die Ölschätze im Südosten des Landes. Achebe entlarvt den moralischen Verfallsprozess, der mit dieser Verlagerung des Kriegsanliegens einher ging, schonungslos in seiner Sammlung „
Girls at War". Zwar vermochte er sich nie zu solch einer totalen Ablehnung der Sache Biafras durchringen, wie dies sein Landsmann Ken Saro-Wiwa tun sollte[...], doch fügte Achebe sich in die Niederlage und begann mit Verve, am Neuaufbau teilzunehmen. Nach Ende des Bürgerkriegs kehrte er deshalb nach Nigeria zurück und war maßgeblich am Aufschwung der Universität Nsukka beteiligt.
[...]
Daneben wurde er immer mehr zum „Ermöglicher" der Literatur Afrikas. Achebe war Berater für die legendäre „African Writers Series" des englischen Heinemann-Verlags, brachte den Autorenverband „Association of Nigerian Authors" ins Laufen und gründete die einflussreiche
Literaturzeitschrift OKIKE [...]. Seit einem schweren Verkehrsunfall im Jahre 1990 ist Achebe querschnittsgelähmt. Er lebt seither in den USA, wo er an einem kleinen College am Ufer des Hudson unterrichtet.
[...]
Als „Vater der modernen afrikanischen Literatur" wird Chinua Achebe in den meisten Analysen seiner Werke beschrieben: Es gibt tatsächlich nur wenige andere Autoren, die diesen Ehrentitel mit mehr Anrecht für sich beanspruchen können.


Bei uns erhältlich sind seine Bücher (nur mit viel Geduld auch die vergriffenen) auf Bestellung über
buecher@afrikahaus.de. Im Herbst 2002 ist sein Buch „Der Pfeil Gottes" in zweiter Auflage neu erschienen (294 Seiten, broschiert, 14 €).


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