Against All Odds: Afrikanische Sprache und Literaturen im 21. Jahrhundert

Die eritreische Hauptstadt Asmara war Mitte Januar 2000 Schauplatz einer internationalen Konferenz, auf der sich mehr als 500 SchriftstellerInnen, Poeten und WissenschaftlerInnen aus ganz Afrika und vielen Teilen der Welt eingefunden hatten, um Afrika zu zelebrieren. Die Konferenz „Against All Odds: Afrikanische Sprache und Literaturen im 21. Jahrhundert" wurde zu einem Lobgesang auf die Kulturen und Sprachen Afrikas.
Christina Boscolo von der Universität Mainz nahm an diesem Ereignis Teil.

Wir übernehmen ihren Bericht ungekürzt mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitschrift „LiteraturNachrichten" Nr. 65 / April-Juni 2000.

Asmara, Eritrea. Eine schöne, eine angenehme Stadt, in der die italienische Kolonialzeit ihre Spuren hinterlassen hat. Hauptstadt eines Landes, das erst 1993 nach über 30 Jahren Befreiungskampf unabhängig wurde. Noch heute ist dieser Kampf, der die neun ethnischen Gruppen zusammen geschweißt hat, auf den Straßen Asmaras, vor allem im Gruß der alten und jungen Veteranen zu spüren. Eritrea, ein Land, das sich immer noch im Krieg mit Äthiopien befindet, einem Krieg, den keiner mehr will. Ein Land, das sich immer schon für die Bewahrung der eigenen Identität eingesetzt hat, trotz aller Schwierigkeiten: „Against All Odds" - so der Titel der internationalen Konferenz. Die Konferenz selbst war Ergebnis von drei Jahren intensiver Arbeit, an der vor allem Charles Cantalupos (Penn University, Pennsylvania), der Verleger Kasahun Chekole (Red Sea Press, Eritrea, Africa World Press, USA), sowie Zemreth Yohannes (Eritrea) beteiligt waren. Ein Lobgesang auf Sprachen, die oft missachtet werden, aber künstlerische und kulturelle Realitäten auf andere Weise ausdrücken können, als es in den Kolonialsprachen geschieht.

Der eritreische Präsident Isaias Afwerki hob bei der Eröffnung der Konferenz die wichtige Rolle des Studiums der afrikanischen Sprachen und deren Funktion als Medium der Information, Bildung und Kunst hervor. Die unterschiedlichen Aspekte dieser Thematik wurden im Laufe des Symposiums vertieft. Die jeweilige Beziehung der Sprachen zur Politik, zur Entwicklung, zur nationalen Identität, aber auch zu Poesie, Performance, Musik und Theater. „Warum wird unsere Kunst nicht in unseren Sprachen ausgedrückt? Was sollen wir machen, um das Wort von den Zwängen einer Fremdsprache zu befreien?" So lautete eine der immer wieder gestellten Fragen.

Die Sprachsituation in den meisten afrikanischen Staaten ist äußerst komplex. Die Kolonialmächte haben eine starke linguistische Heterogenität hinterlassen. Doch anstatt zu einer kulturellen Bereicherung zu führen, scheint die multilinguale Situation das Gefälle zwischen Elite und Bevölkerung verstärkt zu haben. Dichter, Schriftsteller -aber auch Wissenschaftler- müssen sich in einer Sprache ausdrücken, die nicht die ihre ist und an Gesprächen Teil nehmen, die im westlichen Denken ihren Ursprung haben. Häufig haben Wissenschaftler sich fremde und gleichzeitig befremdende Theorien und Epistemologien zu Eigen gemacht, um ihrem Wort Geltung, Gewicht und Macht zu verleihen.

Was ist von offizieller Seite getan worden, um dem entgegen zu wirken? Die Sprachpolitik aus Ländern wie Eritrea oder Nigeria, die auf den Einsatz afrikanischer Sprachen im Schul- und Bildungswesen abzielt, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. In Nigeria wird beispielsweise Yoruba, eine -neben Hausa und Ibo- der drei meist verbreiteten Sprachen, auch auf Universitätsebene vermittelt und als Unterrichtssprache verwendet. Dazu gibt es eine bemerkenswerte Produktion an wissenschaftlichen Arbeiten auf und über Yoruba, die eine analytisch-kritische Ergänzung zur schriftlichen und mündlichen Literatur darstellen. Die eritreischen Sprachen werden erst seit kurzem öffentlich gefördert, gerade wird versucht, Grundschulbücher in den neun Sprachen des Landes bereit zu stellen.

Wenn eine Trinkschale zur Hälfte mit Palmwein gefüllt ist sagt man, sie sei halb voll. Man kann aber auch von derselben Schale sagen, sie sei halb leer. So ist Yoruba nur eine der über 200 Sprachen Nigerias. In Kenia sind einheimische Sprachen, mit Ausnahme von Kiswahili, sich selbst überlassen. Und in Eritrea stellt sich die Frage: „Wie kann von uns gefordert werden, in unseren Sprachen zu schreiben, wenn wir sie noch nicht mal bis zur Sekundarstufe lernen?" Ist die Schale nun halb voll oder halb leer?

Die Debatte deckte auch Missstände und Widersprüche auf, die schon allein an der abenteuerlichen Anreise einiger Konferenzteilnehmer deutlich werden: Von Westafrika aus mussten sie den Weg über Europa und Asien nehmen. Die von vielen gestellte Frage „Was wollen wir? Welche Sprache?" könnte leichter beantwortet werden, wenn die Bedingungen nicht so oft ökonomischen Faktoren untergeordnet wären. Die Beispiele Nigeria und Eritrea zeigen, dass es keine magische Formel zur Lösung der Probleme gibt, die durch die Vielfalt an afrikanischen Sprachen verursacht werden. Auch in Asmara wurde wie zu erwarten kein Wundermittel gefunden.
Doch eine Antwort kam, wenn auch zunächst indirekt. Sie zielte darauf ab, die Macht des „Wortes" hervor zu heben.

Eine Macht, die insbesondere unter den Politikern gefürchtet ist, vor allem wenn sie in der Muttersprache Ausdruck findet. Die persönlichen Erfahrungen der Leiter der Konferenz , Nawal El Saadawi (Ägypten), Ngugi wa Thiong'o (Kenia) und Mbulelo Mzamane (Südafrika) sind ein Beleg dafür. Ihre Geschichte ist geprägt von Drohungen, Haft, Exil, aber vor allem von Widerstand. Widerstand gegen die -ismen wie Kolonialismus, Fundamentalismus und Neo-Kolonialismus, die die Macht des jeweiligen Wortes belegen. Des Wortes, das eine Waffe sein kann, wie der Schriftsteller Alemseged Tesfai an Hand seiner Rolle im eritreischen Befreiungskampf zeigte.

Das Wort, das im besten Sinne wieder entdeckt werden soll: „Ich möchte wieder gut machen, was Bildung uns mit der Zerstückelung des Wissens angetan hat", sagte el Saadawi, die feministische Schriftstellerin aus Ägypten, deren Werk in vielen Sprachen übersetzt wurde. Eine Zerstückelung, die mit der Teilung des Kontinents korrespondiert, denn die Wissenschaft hat - nach den Kolonialherren- Afrika noch einmal geteilt: in Afrika nördlich der Sahara, in Schwarz- und Weißafrika, in frankophones, anglophones und lusophones Afrika oder, auf einer anderen Ebene, in mündliche und schriftliche Tradition. Theoretische Konstrukte, Resultate eines im Westen entstandenen akademischen Diskurses, der nur den Teil der künstlerischen Produkte berücksichtigt, der den Westen in seiner Selbstbehauptung bestätigt. Alles, was unbequem ist und pseudo-universalistische Grundbegriffe hinterfragt, wird schlichtweg ignoriert. Gerade die so andere, unbequeme Kunst hätte auf einer Konferenz über afrikanische Sprachen und Kulturen stärker vertreten werden sollen.

Afrika hat das problematische Privileg über drei unterschiedliche Literaturen zu verfügen: eine orale, eine schriftliche in den verschiedenen afrikanischen Sprachen und eine schriftliche in den europäischen Sprachen. In Asmara war die erste leider kaum repräsentiert. Ein Mangel, der vielleicht unbewusst eine Werteskala bestätigt und der wohl populärsten Kunstform des Kontinents den letzten Platz einräumt. Ein wichtiger Aspekt der afrikanischen Literatur fehlte also. Trotz der Unvollständigkeit ist der Kerngedanke von „Against All Odds" positiv und direkt, fordert Ansporn und Vertrauen in den eigenen Kontinent und sein unterschiedliches kulturelles und künstlerisches Können. Diese Botschaft steckte in den fordernden Worten von Ngugi wa Thiong'o, der vor 15 Jahren Abschied vom Englischen genommen hat, um in seiner Muttersprache Gikuyu zu schreiben. Der kenianische Schriftsteller verlangte nach einer Entscheidung, um das Schreiben zu seiner ursprünglichen kommunikativen Funktion zurück zu bringen, in eine Gesellschaft, in der es entstanden und dessen Ausdruck es ist. Diese Botschaft steckte auch in der einfachen Feststellung von Kofi Anyidoho, dem Poeten aus Ghana: „Es gibt Dinge, die kann man nur in seiner Muttersprache sagen." Autoren, die ihre Entscheidung längst getroffen und diese Feststellung in die Tat umgesetzt haben, sind beispielsweise das Multitalent Akinwunmi Isola (Nigeria) oder der Poet Reesom Haile (Eritrea): sie haben in ihren Werken schon immer ihre Muttersprache verwendet.

Auch jüngere Autoren wie Abena Busia (Ghana), Tanure Ojaide (Nigeria) -der in seiner Poesie mittlerweile auf seine Muttersprache Urhobo zurück greift- oder Mwangi wa Mutahi (Kenia) und Saba Kidane (Eritrea), sprechen sich für die Verwendung afrikanischer Sprachen aus. Sie haben enthusiastisch von ihren Erfahrungen und ihrem Engagement erzählt, von den „Freuden und Schwierigkeiten", die ihre Entscheidung für afrikanische Sprachen beeinflusst haben.

Auf dieser Konferenz wurde kein Wundermittel gefunden. Dennoch tragen die hier zitierten Stimmen ebenso wie viele andere, die sich afrikanischen Sprachen und Kulturen widmen, zur Anerkennung dieser Sprachen bei und untermauern ihr kulturelles Erbe. Das Motto „Against All Odds" erlaubt, die Zukunft afrikanischer Sprachen positiver zu sehen und hebt dabei die wichtige Rolle des Individuums -insbesondere des Schriftstellers- hervor. Die Konferenz war als afrikanisches Festival gedacht, daher kann sie auch mit einem solchen verglichen werden; jenem ganzheitlichen Kontext von Kunst, Weltanschauung, Religion und Spiel, der in vielen afrikanischen Kulturen so beliebt ist. Nicht nur wegen der meisterhaft auf der Kora vorgetragenen Musik Papa Sussos, den eritreischen Tänzen oder den Poesie-Performances. Die Gegenwart wurde erforscht, indem die Erfahrungen der Vergangenheit mit einbezogen wurden, um dann in die Zukunft projiziert zu werden. All dies hat die Konferenz geleistet und wird es auch mit ihrem ermutigenden Motto „Against All Odds" in Zukunft leisten.

Impressum:
Sie erreichen uns auf verschiedene Weise:
- per
e-mail:          info@afrikahaus.de
- per Fax:              (+49) (0)5681 / 9309 - 77
- per
Telefon:       (+49) (0)5681 / 9309 - 99
- per
Post:             Postfach 1214, 34568 Homberg
-
persönlich:         Remsfelder Str. 4, 34576 Homberg
-
Ansprechpartner / Inhaber: Jan Klevinghaus
-
inhaltlich Verantwortlicher gemäß § 6 MDStV: Jan Klevinghaus
-
Umsatzsteuer-Identifikationsnummer gemäß

  § 27a Umsatzsteuergesetz: DE 213693538






































      home